Wahre Liebe oder liebgewonnene Wahrheiten?

von Wolfgang Fänderl

tl_files/galerie/Fotoshooting queerelations 31.03.2012/12-03-31 queerelations Fotoshooting HS - 084.jpgtl_files/Themen-Blog/12-2-Truth-Love.jpgtl_files/Themen-Blog/12-2-love_power.jpg

In den letzten Jahren scheint die Liebe ein Gegenstand neuer Aushandlungsprozesse geworden zu sein. Besonders die Verknüpfung von Liebe und (körperlicher) Exklusivität scheint für eine zunehmende Zahl an Menschen ein Thema zu sein, über das sich zumindest diskutieren lässt. Treue, Eifersucht und Freiheit stellen hier zentrale Begriffe dar, auf die neue (oder zumindest unkonventionelle) Perspektiven entwickelt werden können, da ihre gängigen Bedeutungen – zumindest auf intellektueller Basis – als überarbeitungswürdig erscheinen. Interessant dabei ist, dass diese Auseinandersetzungen häufig auf intellektueller Ebene geführt werden und nicht bis in die emotionale Welt der Individuen eindringen, selbst wenn diese beispielsweise polyamore Beziehungskonstellationen für "rational besser" halten. Um auf diesen Widerspruch einzugehen, könnte das Beleuchten einer weiteren Tatsache von Nutzen sein.

Für Queers aus verschiedensten Kontexten ist die Liebe – im Sinne der Zuneigung gegenüber anderen Individuen – schon weitaus länger ein Phänomen, mit dem experimentiert werden kann, da man sich quasi ohnehin schon in einer Position sozialer Unkonventionalität befindet. Mein persönliches Interesse gilt eben diesem Phänomen – der Positionierung. Kann es sein, dass die Liebe auch etwas damit zu tun hat, wie wir uns selbst wahrnehmen und wahrgenommen werden wollen? Was sind legitime – also sozial akzeptierte – Positionen, die wir als liebende Subjekte einnehmen können? Ist also es möglich, dass die "wahre Liebe", genau wie "die Sexualität" oder "das Geschlecht" erst dadurch entsteht, dass auf eine bestimmte Weise über sie gesprochen wird, was wiederum dazu führt, dass wir als Subjekte die "Wahrheit", die über Liebe gesprochen wird, so tief in unsere Gefühlswelt (und damit in unsere Identität als Subjekte) integrieren, dass sie uns als die tatsächliche, die einzig wahre Liebe vorkommt?

Ich würde diese Themen gerne im folgenden Blog diskutieren und würde mich sehr über Eure Beiträge freuen.

Intro und Moderation Themenblog

Drew, Studierender der Soziologie

info@queerelations.net

Zurück

Einen Kommentar schreiben

Kommentar von Wolfgang |

Hallo Drew, was für ein klasse Thema!

Du behauptest, dass die Gefühle stark von den Reaktionen der Umwelt abhängen und selbst die Liebe davon beeinflusst - wenn nicht gar komplett dominiert - wird. Stimmt's? Das was uns wahr vorkommt ist ja eh ein menschliches Konstrukt, da wir Wahrheit intellektuell herleiten. Aber die Liebe ist ja mehr als ein kognitiv-intellektueller Prozess. Sie hängt ja auch von anderen Kriterien ab, als von der passenden Schwanzlänge bzw. dem zeitgemäßen Modestil des Gegenüber.

Könnte es bei der Liebe eine Differenzierung von triebgesteuert, sozial anerkannt und ... "seelisch verbunden" geben? Der letzte Aspekt ist natürlich wissenschaftlich - geschweigedenn soziologisch - nur schwer herzuleiten. Aber in der Erfahrung gibt es doch sowas wie die Liebe auf den ersten Blick. Kann dazu auch die Soziologie Aussagen treffen?

Entsprechend würde sich die Frage stellen, ob die 'wahre Liebe' eine Kombination aus allen drei (evtl. auch noch weiteren) Aspekten unserer Erfahrungswelt ist und wir das soziologisch-psychologisch-...-theologisch beschreiben können.

Kommentar von Redaktion |

Ein spannender Artikel der Huffington Post vom 16.2. mit dem Titel "Führt mehr Gleichberechtigung in der Ehe zu weniger Sex?" gibt der soziologischen Frage nach "wahrer Liebe" eine spannende Bestätigung:

"In Beziehungen lässt sich alles verhandeln, beispielsweise Sex gegen Haushalt. Diese Haltung herrscht hierzulande. US-amerikanische Forscher dämpfen nun die Hoffnungen, der Mann würde von seiner Partnerin für den Dienst am Staubsauger mit Erotik belohnt. Oh nein, denkste! Das Gegenteil sei der Fall. Hausmänner turnen die Damen nämlich ab. Gründlich. Immerhin 1,5 mal weniger Sex im Monat haben Paare, bei denen Kerle solche Dinge tun. Das ist - bei einmal pro Woche statistischer Schnitt von Beziehungen über sechs Jahren - ein gravierender Einschnitt. Sagen die Forscher."

Kommentar von Nicholas |

Das ist wirklich ein spannendes Thema! Wie in jeder Diskussion sollte man aber den Hauptbegriff „wahre Liebe“ sowie die Variablen definieren. Wolfgang hat drei erwähnt: Trieb, soziale Anerkennung und „seelische Verbundenheit“. Ich würde sagen, wenn wir generalisieren (d.h. wenn wir die Bandbreite aller möglichen Situationen der wahrnehmbaren Welt in Betracht ziehen), dann bleibt nur eine der drei Variablen: Seelische Verbundenheit.

Trieb gehört nicht immer dazu bzw. definiert die Liebe nicht als solche. Denn was ist mit älteren Paaren, die seit 40 Jahren verheiratet sind und keinen Sex mehr haben? Lieben sie sich nicht? Doch, wahrscheinlich schon! Und was ist mit asexuellen Paaren? Da sind die beiden Partner einer Beziehung nicht körperlich, sondern nur (?!) geistig miteinander verbunden, und DAS ist das Element, das die Beziehung zusammenhält. Und was ist mit Leuten, die sich nicht (mehr) lieben aber regelmäßig Sex haben?

Was soziale Anerkennung betrifft: Ich glaube, die zählt gar nicht. Kann man sagen, dass zwei schwule (oder heterosexuelle!) Menschen, die eine heimliche Beziehung führen, sich nicht lieben? Denken wir z.B. an eine Situation, in der eine Frau eine heimliche Beziehung zu einem gebundenen Mann hat. Heimliche Beziehungen sind nicht sozial anerkannt und Untreue (wenn der Mann verheiratet ist, dann betrügt er seine Frau!) sowieso nicht. Aber wie können wir so sicher sein, dass sie sich nicht wirklich lieben? Und was ist mit Schwulen, die z.B. im Iran leben? Vielleicht gibt es in dem Land viele Paare, die sich heimlich lieben müssen, weil im Iran Homosexualität nicht akzeptiert wird.

Fazit: Ich glaube, wenn wir uns alle möglichen Situationen vorstellen – d.h. wenn wir nicht unbedingt an UNSERE eigene Idee der wahren Liebe oder einer möglichen Beziehung denken –, müssen wir zugeben, dass das einzige Element, das für die Definition der „wahren Liebe“ relevant ist, ist seelische Verbundenheit.

Was haltet ihr davon?

Kommentar von Drew |

Lieber Wolfgang und lieber Nicholas,

ich möchte versuchen, auf beide Kommentare zu antworten, da ich glaube, dass Wolfgang eine wichtige Frage aufgeworfen hat, auf die mit verschiedenen Ideen geantwortet werden kann, wovon sich Nicholas eine ausgesucht hat.

Mein Standpunkt zur Bestimmung der "wahren Liebe" wäre, dass es sie nicht gibt. Ich gehe davon aus, dass das was wir Liebe nennen, sich historisch immer wieder geändert hat, und dass das Recht, diesem Wort Bedeutung zu geben Gegenstand sozialer und philosophischer Kämpfe ist.

Ich gehe also von Liebe als einer symbolischen Leinwand aus, die unseren Gefühlen eine Sprache verleiht - und damit unseren Gefühle wiederum eine Rahmung gibt, sie also in ein für uns intelligibles (verständliches) Gewand kleidet. Diese Einkleidung verläuft nicht ohne Modifikationen unserer Gefühle, da sie ja nicht zwangsweise in dieses Gewand passen muss, wir sie aber nur im Gewand erkennen können. Manchmal werden sie sogar erst durch den Glauben an die "Wahre Liebe" erzeugt.

Deshalb würde ich mich auch gegen die Idee der seelischen Verbundenheit wenden, da auch das, was eine Seele ist, meiner Meinung nach nicht unser Innerstes, sondern eine an uns von außen herangetragene Instanz ist, die wir aktiv inkorporieren (in unseren Körper und unsere Gefühlswelt einschließen) und zum Maßstab der Bewertung unserer Handlungen machen.

Ein Anreiz meinerseits wäre nun die Frage, was mit "seelischer Verbundenheit" gemeint ist, da auch diese, meiner Meinung nach, ein in der Möglichkeiten seiner Bedeutung gerahmtes Wort ist.

Freue mich auf Anregungen

Kommentar von Wolfgang |

Da der Begriff "Wahre Liebe" ja gegenübergestellt werden kann der "falschen", "unechten" oder "illusorischen" Liebe, die Ent-Täuschungen mit sich bringt... hat man ja schon mal zwei Koordinaten im ansonsten luftleeren Raum. Ob nun dieser Raum rein soziologisch gefüllt und erklärt werden kann (mit Körper- und Gefühlswelten) oder ob es noch weitere Aspekte gibt ist ne schwere Frage.

Es kommt wohl stark auf das Menschenbild des Wissenschaftlers an. Siehst du den Menschen als Reiz-Reaktions-System, dem keine eigene innere Bestimmung (Seele) zugrunde liegt, dann treiben wir durch den Strom der Zeiten, triebgesteuert und von Zufälligkeiten abhängig? Oder ist es nur der wissenschaftlichen Maßgabe geschuldet jenseitige, spirituelle Fragen erst mal außen vor zu lassen und mit messbaren und evidenten Beweisen auszukommen?

Mit seelischer Verbundenheit verbinde ich die Erfahrung, dass es jenseits von äußeren Merkmalen und Zuschreibungen ein Gefühl der Verbundenheit gibt, das sich nicht nur emotional-körperlich erklären lässt.

Aber vielleicht stehe ich mit der Erfahrung alleine auf weiter Flur? Wie geht es anderen?

Kommentar von Nicholas |

Ich finde, nicht alle Begriffe, die in der Alltagssprache z.B. von einem Adjektiv modifiziert werden, müssen unbedingt ein „negatives“ Gegenüber haben. Der Begriff „schöne Künste“ wird eigentlich nicht dem von „hässlichen Künsten“ gegenübergestellt. Und wenn wir sagen, dass Italien „il bel paese“ (= das schöne Land) ist, meinen wir damit nicht, dass die anderen Länder hässlich sind.

In ähnlicher Weise ist der Begriff der „wahren Liebe“ ein Absolutum. Es gibt keine „unechte Liebe“, denn Liebe ist per se ein unabhängiges Konzept und sie ist individuumsorientiert: Wenn ich liebe, dann liebe ich halt. Wenn ich enttäuscht oder betrogen werde, dann liebt mich der andere nicht. Das heißt natürlich nicht, dass Liebe etwas Einfaches ist, aber wenn wir von „Liebe“ sprechen, dann haben wir alle wahrscheinlich was Spezifisches im Kopf, und dieses „Etwas“ darf nicht unecht sein, sonst würde es nicht „Liebe“ heißen.

Ich glaube, ich habe Drews Argumentation nicht gut verstanden: Selbst wenn – wie du sagst – „wahre Liebe“ ein bloßes soziales Konstrukt wäre, das bestimmten Gefühlen eine Sprache verleiht, würde das nicht heißen, dass es sie nicht gibt. Denn wenn es so wäre, dann gäbe es auch keine Glückseligkeit, keinen Erfolg, kein Schicksal – diese Begriffe sind alle irgendwie „soziale Konstrukte“. Aber wenn ich das Gefühl habe, dass alles in meinem Leben mehr oder weniger funktioniert, sage ich, dass ich glücklich bin. Wenn ich mit fünfzig 10.000 Euro im Monat verdiene und etwas mache, was ich liebe, dann sage ich, dass ich in meinem Leben Erfolg habe, usw…

Die Tatsache, dass wir (wahre) Liebe eben „(wahre) Liebe“ nennen, impliziert schon, dass wir eine Vorstellung haben von dem, wovon wir sprechen, oder? Reicht das nicht, um die Existenz der „wahren Liebe“ zu beweisen?

Kommentar von Wolfgang |

Wirklich interessant: Ein gut verständlich geschriebener Artikel auf dem Philognosie-Portal vom 20.2. zum Thema: "Biologie: Wie Menschen Bedeutung erzeugen / Sprache verstehen":

"... Wenn wir andere Menschen verstehen wollen, heißt das 'ihre Konstruktion von Bedeutung' nachvollziehen zu lernen. Und das Erforschen und Nachvollziehen, was ein Anderer unter XY versteht, ist letztlich ein Endlosprojekt.

Der Schlüssel zum Verständnis von anderen sind Fragen. Denn nur Fragen können den Konstruktionsprozess - d. h. wie hat der Andere die Bedeutung von XY konstruiert - wieder sichtbar und nachvollziehbar machen."

Was haltet ihr davon? Hilft das unserem Thema?

Kommentar von Drew |

Lieber Nicholas,

ich habe mich wahrscheinlich etwas verkürzt und daher missverständlich ausgedrückt.

Ich gehe schon davon aus, dass es "die Wahre Liebe" als Erscheinung gibt - allerdings erst, nachdem sie durch Sprechakte, bestimmte Logiken unserer Sprache und unseres Denkens und soziale und politische Institutionen (wie beispielsweise Ehe oder Pro Familia) (re-)produziert wird. Ich denke also, dass es nicht so ist, dass das Sprechen und Schreiben oder soziale Praktiken die Liebe repräsentieren, sondern sie erschaffen.

Ich gehe überdies davon aus, dass sich diese sozialen und formalen Strukturen in unsere Gefühle (und damit in die Erfahrung unserer Selbst) übersetzen. Daher gibt es "die wahre Liebe" dann doch sehr wohl als Erscheinung, jedoch erst nachdem wir sie uns angeeignet haben und eben nicht als durch Sprache re-präsentiertes (also durch auf eine metaphysische Substanz hinweisendes Sprechen und Fühlen dargestelltes) Phänomen.

Was folgt nun daraus? Da die formalen, politischen und sozialen Strukturen, in denen wir Leben, gewissermaßen begrenzt sind, bewegen sich auch die Be-Deutungen des Erfahrens von Liebe (und anderen Gefühlen) innerhalb eines gewissen Rahmens, den wir selbst nicht geschaffen haben. Demnach würde ich sagen, dass selbst Gefühlszustände, die wir als unsere innersten erfahren, nicht genuin unsere eigenen sind, sondern schon vor uns in der Welt waren und somit gewissermaßen (ich freue mich auf Kommentare) unpersönlich sind - wobei dieses Wort für mich ein Problem darstellt, da es sich auf "die Person", also das Subjekt bezieht und damit auf das schon be-schriebene also geprägte Individuum deutet.

Dementsprechend halte ich es für problematisch von "der wahren Liebe" (im Sinne von "meinst du es ist das Wahre?") zu sprechen, da solche Sprechstrukturen uns nahelegen, es gäbe eben nur diese eine ahistorische, "wahre" Liebe die wir in uns finden müssen - und nicht selbst erfinden können.

Ich hoffe, ich konnte diese Gedanken etwas verständlicher machen.

Was meinst du dazu?

Kommentar von Wolfgang |

Lieber Drew, kannst du uns evtl. noch mitteilen, auf welcher Grundlage du behauptest, dass (wahre) Liebe nur (re-)produziert wird und als Phänomen für sich nicht existiert? Ist es eine rein intellektuelle Überlegung oder gepaart mit persönlichen Erfahrungen? Ich stelle jetzt die Fragen, weil ich zuvor einen Artikel gepostet habe, der behauptet, dass wir den anderen nur verstehen können, wenn wir dessen Konstruktionsprozess hinterfragen!

Kommentar von Julian |

Lieber Drew, lieber Wolfgang und lieber Nicholas, in der Tat eine fesselnde Diskussion, die ich hier bis jetzt zu lesen bekam!

Zu Drew: Ein interessantes Interessengebiet hast Du Dir da ausgesucht – das sage ich wohl vor allem deshalb, weil es in einigen Bereichen meine Forschungsschwerpunkte tangiert (die sexuelle Nicht-Exklusivität und die Erforschung sexueller Vorlieben).

Zu Nicholas: Nachdem hier bereits mehrfach psychoanalytische Begriffe gefallen sind springe ich mal auf diesen rasanten Zug auf. Ich bin ganz Deiner Meinung, dass – bei einem hoch philosophischen Thema wie der Frage nach der „wahren Liebe“ – stets exakt definiert werden muss. Wie Du bereits festgehalten hast, sprach Wolfgang von den Variablen Trieb, soziale Anerkennung und seelische Verbundenheit. Der Aussage, dass der Trieb nicht immer dazu gehört, muss ich jedoch ganz entschieden widersprechen. Er ist nach wie vor die (im wahrsten Sinne des Wortes) Triebfeder menschlichen Verhaltens und Handelns. Und zwar sowohl bei Kindern (vgl. psychosexuelle Entwicklung in der oralen, analen & phallischen Phase), als auch bei allen anderen Altersgruppen: Selbst bei Personen, die sich als asexuell identifizieren oder Menschen die aufgrund sexueller Funktionsstörungen keine sexuelle Kopulation im klassischen Sinne vollziehen können, bleibt die Libido erhalten. Der Sexualtrieb ist nach wie vor vorhanden – er wird nur anders kanalisiert.

Studien mit besagten Personengruppen ergaben, dass sie (aufgrund ihrer Asexualität oder bestehender sexueller Disfunktion) durchaus eine Form von Sexualität praktizieren. Selbst asexuelle Personen (!) – freilich nicht auf eine solche Weise, wie sie von der breiten Masse als „Sex“ beschrieben wird. Denn: Sexualität umfasst weitaus mehr als den Akt der Penetration oder die orale Stimulation. Um mit den Worten meines alten Professors Dr. C. Mühlfeld zu sprechen: „Die Frage nach gelingender Sexualität ist stets eine individuelle.“ „Sexualität“ kann demnach nur individuell definiert werden (für den einen beginnt Sexualität bereits bei gegenseitigem Streicheln, für den anderen wiederum ist der Moment der Penetration ein unabdingbarer Bestandteil seiner Definition von Sex).

Wenn wir nun den Trieb als eine generell existierende Variable im Gefüge zwischenmenschlicher Beziehungsrealitäten wissen, so ist der emotionale Moment der Liebe auch nicht frei von sexuellen Einflüssen.

Konkret aus der Empirie: Befragungen ergaben, dass Menschen während sie eine Person kennenlernen (aber noch nicht mit ihr geschlafen haben) häufig Gefühle entwickeln, die sie als „Liebe“ oder „Verbundenheit“ beschreiben würden – gleichzeitig aber mehrheitlich eben diese aufkommenden Gefühle unmittelbar nach dem (ersten) Sexualakt wieder verlieren.

Daran anknüpfend möchte ich die folgenden beiden Fragen in den Raum werfen:
„Was bleibt von der Liebe nach dem Sex?“
und
„Ist diejenige Zuneigung, die unmittelbar nach dem realisierten Sexualakt (also nach Erreichen sexueller Befriedigung) noch besteht möglicherweise also die „wahre Liebe“?“

Kommentar von Redaktion |

"Verliebtsein ist das eine... Liebe ist etwas anderes: Wenn wir verliebt sind, dann möchten wir jede Sekunde mit dieser einen anderen Person verbringen, denn schließlich ist es dieser eine Mensch, der uns so gut fühlen lässt. Diese Person soll uns zur Verfügung stehen, wann immer wir möchten. Tut sie dies nicht, leiden wir. Sobald die andere Person etwas tut, was wir nicht gut finden oder etwas nicht macht, was wir uns wünschen, dann leiden wir auch. Liebe ist frei von diesen externen Faktoren; sie lehrt uns, dass unser Partner nicht unser Besitz ist; nähert uns der Realität. Liebe zügelt unseren Egoismus und erkennt, dass unser Glück nicht über dem Glück der anderen Person steht. Benutzen Sie Ihren Partner nicht, damit er Sie glücklich macht... denken Sie auch daran, was Ihren Partner glücklich macht. Er hat dasselbe Recht wie Sie glücklich zu sein!"

So jedenfalls eine These im Artikel vom 24.2. in der HuffPost zum Thema "Lieben ohne Leiden" - geht das? Ja, das geht!"

Kommentar von Redaktion |

tl_files/Themen-Blog/Brain divided.jpg"Brain Divided" ist ein Kurzfilm von Ringling College of Art and Design der als Animation erklärt, was mit dem Körper passiert, wenn man sich verliebt. Herz und Verstand im Streit... ein Fiasko... und Hand in Hand...?

Einfach ansehen, ein tolles Video (5') auf facebook! Otto Waalkes lässt grüßen :-)

 

Kommentar von Redaktion |

Was haltet ihr von den Stufen des Denkens, welche bei einem Wissensportal (philognosie 10.03.2014) vorgestellt werden:
1. Triebhaft "unbewusstes" Denken
2. Assoziatives Denken
3. Logisches Denken - Verstand
4. Sinnorientiertes Denken - Vernunft
Der Artikel geht auch auf Beispiele und den praktischen Nutzen ein. Hilfreich für unsere Fragestellung?

Kommentar von Drew |

Lieber Wolfgang, lieber Julian,
bitte entschuldigt meine späte Antwort.

Zu Julian:

Ich finde die Untersuchungen, auf die du dich beziehst sehr interessant. Allerdings finde ich es (aus meiner Position) schwierig, sich bei diesem Thema auf Empirie zu berufen, da ich ja eingangs erwähnt hatte, dass Diskurse über "wahre Liebe" sich derart in unsere vorbewusste Wunschwelt einschreibt, dass wir es selbst nicht erkennen. Ein ähnliches Beispiel wäre da vielleicht Sexualität, da man ja davon ausgehen kann, dass uns bestimmte Bilder "funktionierender" Sexualität von kleinauf vermittelt werden. Da diese Vorgänge des Übergangs von gesellschaftlich akzeptierten Wahrheiten in das Subjekt so subtil sind, lassen sie sich nicht einmal gänzlich festmachen.

Demnach gehe ich davon aus, dass man mit empirischen Methoden wie Interviews etc. Aussagen über die momentane soziale Konstitution von Phänomenen wie Liebe oder Sexualität machen kann aber davon nicht auf ein vorgesellschftliches "Wesen" dieser Phänomene schließen kann. Zu anderen Zeiten in der Geschichte und unter anderen gesellschaftlichen Umständen werden Liebe und Sexualität ganz anders gelebt als hier und jetzt.

Zu Wolfgang:

Der letzte Satz eben wäre quasi schon die Antwort auf deine Frage. Auch semantische Strukturen wie beispielsweise die Vorstellung bzw. Ausdifferenzierung von Trieben sind abhängig von bestimmten Kriterien innerhalb wissenschaftlicher Diskurse, welche diese darüber bestimmen, ob diese Strukturen (oder Aussagen) kohärent (und dementsprechend wahr) sind - und eben jene Diskurse entstehen zu bestimmten Zeiten, werden von bestimmten Menschen gemacht und zirkulieren in bestimmten gesellschaftlichen Konstellationen, die ja zum Glück veränderbar sind.

Ich freue mich auf Anregungen und Kritiken.

Kommentar von Wolfgang |

Servus Drew, schön, dass du als Moderator den Faden wieder aufgegriffen hast. Beim Sichten der bisherigen Kommentare war ja eine Frage dominant im Raum: Auf welchem Erfahrungshintergrund hast du deine Sicht von "wahrer Liebe" entwickelt?

Ansonsten drehen wir uns wohl eher im Kreis und diskutieren ein "Henne-Ei-Problem": was war zuerst, die "Wahre Liebe" oder die "Bezeichnung Wahre Liebe"? Würde der Begriff nicht mit entsprechenden Erfahrungen und Hoffnungen korrespondieren, wäre er sinnlos. Die jeweilige Hinterlegung des Begriffs hat gesellschaftliche und persönliche Erfahrungswelten als Basis. Du beziehst dich derzeit stark auf die soziologischen, gesellschaftlichen. Aber kritische Fragen zu gesellschaftlichen Konstrukten kommen ja meist aus einem persönlichen Interesse oder dem Gefühl einer Diskrepanz von gesellschaftlicher Wahrheit und persönlicher Wahrheit.

Wenn du als Mann Männer erotisch findest, das aber gesellschaftlich nicht geduldet ist, suchst du mehr oder minder verzweifelt nach Worten und Konstrukten dies auszudrücken und zu leben. Du nutzt alles, was dir dabei hilft und schaust in die Historie wie auf andere Kulturen. Dennoch ist diese sexuelle Orientierung vorhanden noch bevor man Worte dafür findet. Es hängt viel mehr von der Gesellschaft ab, wie schnell und ohne Tabus der Mensch für seine Orientierung Ausdrucksmöglichkeiten hat und wie anerkannt diese sind.

Bezogen auf die "Wahre Liebe" ist es sicher nicht das Wort alleine, das diese Liebe produziert. Es geht ja auch hier viel mehr um den Ausdruck einer Erfahrung bzw. Hoffnung, nach allumfassender Akzeptanz, Fürsorge, Befriedigung und Bezogenheit. Ich vermute sogar, dass dieser Begriff größer ist als die heteronormative Vorgabe. Wahre Liebe kann sicher auch über eine Zweierbeziehung hinaus wirksam sein.

Deshalb freue ich mich über diese diversen Gedanken und Wendungen, die dieses Konstrukt in unserer Diskussion nimmt. Weiter so!

Kommentar von Redaktion |

Die Huffington Post stellt mal am 7.4. mal wieder die Frage: Kann man Sex und Liebe voneinander trennen?

"Drei Geschichten und dreimal die gleiche Schlussfolgerung: Ja, Sex und Liebe können anscheinend voneinander getrennt werden. Und das, obwohl wir in Beziehungs-Ratgebern nachlesen können, dass spätestens beim dritten Mal Sex Gefühle mit im Spiel sind! Aber ist das wirklich bei allen Menschen so?"

Nicht ohne Bedeutung: die Autorin Isabel Tesch (Jahrgang 1977) leitet seit 2010 die Marketing- und PR-Abteilung des Hochzeitsportals Zankyou.

Kommentar von Lizz |

Servus zusammen. Lasst mich ein paar Gedanken in den virtuellen Raum dazuwerfen. Voilà:

1- Sprache - ich finde, wir haben einen eklatanten Mangel an sorgsamer, abgerüsteter, nicht-normativer Sprache zur Liebe, die den Suchenden (und was sind Liebende sonst?) gerecht wird.

2- Wahrheit - die Philosophin sagt hierzu, es gibt nicht eine Wahrheit, also auch nicht ein wahres X, eine wahre Liebe. Es gibt nur suum cuique, jedem das seine. Seine Sicht, seine Wahrheit, sein Verstehen/Empfinden/Denken/Ausdrucksfähigkeit, die sich entwickeln.

3- Liebe wie das Leben selbst sind nicht dazu da, bedacht oder verstanden zu werden, sondern geliebt und gelebt, d.h. präsentisch, dynamisch, aktiv ins Werk gesetzt. Das kann mal ganz klein und mal ganz fulminant sein. Und inspiriert durch Julians Professor: Die Frage nach einer gelingenden Liebe/ einem gelingenden Leben ist stets eine individuelle.

4- --

BG Lizz

Kommentar von Lizz |

Drew, danke für den Artikel, sehr schöne soziologische Lyrik.

Ich greife mal etwas auf: ich denke, dass Berater in Sachen Ehe (von Psychoanalyse verstehe ich nichts) keinesfalls auf eine wahre Ursache schauen, die sie zu ergründen sich bemühen. Sondern dass ein systemischer, zirkulärer Wirkzusammenhang angenommen wird. Der geht dann auch weg von der Idee, eine Ursache finden zu können.

Die Expertenfrage ist eine Frage der Zuschreibung von Macht im Sinne von Deutungshoheit, die jedoch abgefragt werden muss, um zu klären oder zu verschleiern. Und gefragte Experten können nicht verschleiern. Und da die Liebe eine Frage für das Individuum je selbst ist... an wen richtet sich das Expertentum?

Ich sehe, wie Nicholas, wenn ich ihn recht verstehe, dass Wahres sich nicht zum Gegenpol Falsches aufstellt. (Falsch eher als Gegenteil von richtig). Das Operieren mit dem Begriff wahr bringt eine Machtoption mit auf den Tisch, die mit richtig/falsch nicht direkt zu tun hat, sondern leicht transzendiert, zu einem erstrebbaren Ideal emporgehoben wird (Pseudo-emporgehoben, behaupte ich mal). Das Individuum darf sich dann vielleicht abrackern am gekrönten Ideal.

Das Unbeschreibliche zeigt sich dem Individuum ganz klar und rückt alles andere in den Hintergrund. Ich würde also nicht von Unbeschreiblich sprechen. Ich denke, die Praxis ist bei den Individuen, und manche von ihnen, finden eine Sprache, diese Klarheit, die sich einstellt, wenn sie lieben, zu kommunizieren. // so long, Lizz.

Kommentar von Wolfgang |

Ein geschätzter Kollege (Max Schupbach aus Oregon) bietet von 30.5. bis 1.6.2014 in Amsterdam den zweiten Teil eines Seminars an, das sich mit "Relations" beschäftigt. Wer sich diesen Ausflug in die "Verborgenen Strukturen und den natürlichen Fluss in Beziehungen" leisten kann (englische Sprache, Seminarkosten von 320,- € zzgl. Fahrt und Übernachtungskosten), lernt einen spannenden Ansatz (Worldwork) kennenlernen. Hier der Versuch einer Übersetzung der englischen Ausschreibung vom 21.04.2014 zu den Inhalten:

"Jede Beziehung erzählt ihre eigene zeitlose, mythische Geschichte, die Bedeutungen und Bereicherung sowohl für die Beziehungspartner als auch für die Welt um sie herum hat.

Während diesem Entwicklungsprozesses, verändern sich der Zeitgeist und die historischen Beziehungsmodelle. So wie das Elektron sich ständig bemüht neue Wege im Universum zu finden, entfalten Beziehungen neue Geschichten, die über historisch begrenzte Konsens-Realitäten hinaus sich auf die Suche nach neuen Beziehungswegen machen.

Da diese neuen Wege/Geschichten über das „Literarische“ hinausgehen, erkennen wir sie im normalen Beziehungsleben und den Direktinteraktionen. Sie drücken sich in immateriellen Energien, seltsamen Gefühlen, seltsamen Stimmung... aus.

Sich diesen unausgesprochenen und versteckten Beziehungen zu öffnen, hilft dabei, die wahre Geschichte zu erzählen und zu entdecken. Wenn Beziehungen sich in Konflikten befinden, und scheinbar unsinnig geworden sind, befindet sich möglicher Weise nur der konventionelle Beziehungsstil in einem Transformationsprozess zu einer neuen, kreativen Geschichte, die im Universum zum ersten Mal erzählt wird.

Diese Geschichten sind fesselnd. Wir wollen in ihnen lesen. Wir wollen sie erkennen! ...

Zahlreiche Studien haben gezeigt, dass persönliche Beziehungen Schlüsselfaktoren bei Flow-Erfahrungen sind. Sie können unterstützen und energetisieren aber auch hemmen und blockieren. Belastungen und unerfüllte Beziehungen bzw. ungelöste Beziehungsprobleme beeinflussen nicht nur das eigene Glück sondern auch Gesundheit, Kreativität und die effektive Arbeitsfähigkeit.

Wenn Beziehungen gut laufen, können sie erstaunliche Dinge erschaffen; Romantik und Verbundenheit können erblühen; Nähe und Distanz entwickeln sich natürlich; Glück dehnt sich aus und das Leben wird gut.

Umgekehrt absorbieren ungelöste Konflikte und Spannungen sämtliche Energien, erwirken Stagnation und Lähmung und vermindern die Kreativität.

Diese Seminarreihe konzentriert sich auf die Beherrschung vieler Aspekte die Beziehungen einschließen:

(A) Selbsterkenntnis: Das Verständnis der verschiedenen Aspekte von sich und den eigenen Erfahrungen, sowie die Anwendung dieses Wissens für sich und andere.

(B) Fließfähigkeit: Eine der aufregendsten Qualitäten um mit dem Fluss von Beziehungen zurecht zu kommen, um eigene Gewohnheiten und Identitätsmuster fallen zu lassen, um neue Muster zuzulassen.

(C) Macht der Kommunikation und des Bewusstseins: Wie sich orientieren, aufräumen und Beziehungsthemen transparent machen, um selbst komplizierte Probleme einfach zu lösen.

Kommentar von Wolfgang |

"Warum der Mythos der Liebe eine Lüge ist", am 25.09. in der Frankfurter Allgemeinen unter der Kolumne "egoistische Zweisamkeit" veröffentlicht, beginnt so: "Der Mythos der Liebe ist der Leitstern unserer Zeit: Das einzige Ziel des Lebens ist es, Mr. oder Mrs. Right zu finden. Was für ein Irrtum. Zweisamkeit ist nichts anderes als die Fortsetzung der Ich-Bezogenheit mit anderen Mitteln. Ein Plädoyer gegen die Liebe." Was dann folgt, ist eine schrittweise Entzauberung der "Liebe in Zweisamkeit" mit einer Analyse unserer Glaubenssätze und marktkonformen Ausbeutung, mit denen wir von Kindesbeinen an drangsaliert werden. Brilliant!